In weiterer zapatistischer Gemeinde kommt es zu bewaffneten Übergriffen

Die letzten Wochen in Chiapas, Mexiko waren geprägt von einer deutlichen Zunahme von Übergriffen auf verschiedene zapatistische Unterstützungsgemeinden. Der Rat der guten Regierung (das basisdemokratische Verwaltungsorgan der zapatistischen Bewegung) hat nun zunehmende Aggressionen in einer weiteren Gemeinde öffentlich gemacht. Demzufolge nehmen die Aktivitäten einer, in der Umgebung agierenden paramilitärischen Gruppierung immer gewalttätigere Züge an.

Wie in der Bekanntmachung zu lesen ist, ist die Zahl der Angreifer in den letzten Tagen stetig angewachsen und hat inzwischen eine Zahl von 150 schwer bewaffneten Einheiten erreicht. Diese belassen es inzwischen nicht mehr bei Drohgebärden, sondern feuern in regelmäßigen Abständen Schüsse ab. Parallel werden Felder zerstört oder geplündert und provisorische Unterkünfte errichtet. Während sich die eine Seite also auf einen längeren Aufenthalt einzurichten scheint, wurden Kinder, ältere Menschen und Frauen aus der zapatistischen Gemeinde evakuiert und halten sich momentan in Notunterkünften in den Bergen auf. Wie der Rat der guten Regierung außerdem bekannt gab, werden inzwischen vier Menschen (darunter zwei Kinder) vermisst.

Als die direkten Angreifer wurde dabei die paramilitärische Gruppe „paz y justicia“ (Friede und Gerechtigkeit) identifiziert. „Paz y justicia“ wurde 1995 als militärische Gegenoffensive zur zapatistischen Bewegung von einem ehemaligen General ins Leben gerufen und sind vor allem im Norden Chiapas aktiv. Von Anfang an bestanden enge Verbindungen zum Militär, der lokalen, als auch der nationalen Regierung. Vor allem Vertreter_innen der zum Zeitpunkt des Aufstands amtierenden PRI unterstützten “paz z justicia” mit ausgiebigen finanziellen Mitteln. Das  Militär wiederum verkaufte Waffen an die Söldner und bot diesen eine militärische Ausbildung. Während die Befehlshaber_innen, verschiedene Verbindungen zu militärischen und politischen Repräsentant_innen pflegen, rekrutieren sich die Befehlsempfänger_innen oft aus Gemeinden, die sich in unmittelbaren Nachbarschaft zu ihren Angriffszielen befinden.

Ähnlich verhält es sich in der Gemeinde „Comandante Abel“, die den aktuellen Angriffen ausgesetzt ist. Durch die dauerhafte Besetzung der Erntefelder in unmittelbarer Nähe zu ihrer Gemeinde, sahen sich die zapatistischen Familien im Mai 2012  gezwungen ihr, während des zapatistischen Aufstands 1994, kollektiv besetztes Land zu verlassen. Wie sich jetzt zeigt, war die Neugründung der zapatistischen Unterstützungsbasis „Comandante Abel“ nicht genug, um den Aggressionen zu entkommen. Der Rat der guten Regierung macht die paramilitärischen Übergriffe als Teil der Strategie zur Aufstandsbekämpfung aus. Während in den letzten Jahren eine zunehmende Verlagerung der Strategie auf Spaltung der Gemeinden und schleichend verlaufende Militarisierung gelegt wurde, spielen auch direkte paramilitärische Angriffe eine zentrale Rolle und sollen aufständischen Gemeinden die Existenz erschweren.

Die sich gerade in Mexiko vollziehenden parteipolitischen Umwälzungen sprechen dagegen, die wieder verstärkt zunehmenden Aggressionen als Zufall abzutun. Sowohl in Mexiko als auch im Bundesstaat Chiapas steht ein Regierungswechsel unmittelbar bevor. Das Jahr 2013 wird auch die erneute Machtübernahme der PRI (Partei der institutionalisierten Revolution) einleiten. Das sich ihre Anhängerschaft in den gespaltenen Gemeinden durch den Wahlsieg gestärkt fühlen und es schon vor der eigentlichen Amtszeit zu einer Zunahme der antizapatistischen Aktivitäten kommt, lässt die Vermutung, die PRI könnte an ihren repressiven Kurs gegen soziale Bewegungen anknüpfen, nur allzu berechtigt erscheinen.

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