Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas schürt das REDD-Programm der Vereinten Nationen zum angeblichen Schutz tropischer Wälder tiefgreifende Landkonflikte. Die lokale Regierung versucht das Projekt mit autoritären Maßnahmen durchzusetzen.
In B. Travens Klassiker “Die Rebellion der Gehenkten” zeichnet der Autor die Bedingungen nach, unter denen hauptsächlich Indigene in den von Großgrundbesitzern kontrollierten Holzfällerlagern in Südmexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihr Dasein bestreiten. Als direktes Erbe des europäischen Kolonialismus sehen sich die Protagonist_innen im Roman mit ununterbrochenem Rassismus und Ausbeutung konfrontiert. Ihre Arbeit versorgt hauptsächlich den europäischen und nordamerikanischen Markt mit dem begehrten Tropenholz.
Durch das REDD-Programm der Vereinten Nationen (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation)¹ rücken die tropischen Wälder des Bundesstaates Chiapas, dem Schauplatz des Romans, erneut ins Interessenfeld kapitalistischer Inwertsetzung. Indigene Basisorganisationen und kritische Umweltgruppen bezeichnen das Programm als Teil der Weiterführung des kolonialen Extraktivismus und der Entrechtung indigener und kleinbäuerlicher Gemeinden. Von Seiten der bundesstaatlichen Regierungen Chiapas (Mexiko), Acre (Brasilien) und Kalifornien (USA), die seit 2010 an einer Umsetzung von REDD arbeiten, ist hingegen von einem wichtigen Mechanismus im Kampf gegen den Klimawandel die Rede.
Seine Geburtsstunde hatte das inzwischen auf verschiedenen Kontinenten forcierte Programm 2007 bei den Klimaverhandlungen auf Bali. Die beiden Tatsachen, dass zwischen zwoelf und 18-Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen durch die zunehmende Entwaldung verursacht werden, sowie die Eigenschaft tropischer Wälder, besonders effektiv Kohlenstoff zu binden, sind die Hauptargumente mit denen die Notwendigkeit von REDD beschworen wird. Erste konkrete Schritte zur Etablierung von REDD-Projekten folgten drei Jahre spaeter: Das abschließende Abkommen des COP 16 in Cancun (Mexiko) machte REDD zu einem offiziellen Teil der UN-Klimapolitik.
Die Zusammenkunft der Klimadiplomat_innen nutzte der damalige kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger um einen Vertragsabschluss zwischen Kalifornien und Chiapas bekannt zu geben und REDD zuvor zu kommen: einen Handelsvertrag, welcher der kalifornischen Industrie die Möglichkeit eröffnen sollte, in den “Erhalt” chiapanekischer Wälder zu investieren und dafür sogenannte CERs (certified emission reductions) zu erwerben. Die CERs ermöglichen es kalifornischen Unternehmen, den eigenen Reduktionsverpflichtungen nicht nach zu kommen und diese stattdessen in Länder des Globalen Südens, in diesem Fall nach Mexiko, auszulagern. REDD funktioniert dabei nach einem einfachen Prinzip: Die Geldgeber_innen aus Kalifornien treten als Akteure auf den Plan, die mehr Geld in den Erhalt von Wäldern investieren als deren Abholzung einbringen würde.
Obwohl REDD nach wie vor nicht an einen von der UN etablierten Emissionsrechte-Markt gekoppelt ist, zeigt die Praxis jedoch, dass fast alle bisherigen “Pilotprojekte” nach dessen Prinzipien funktionieren. Demnach ist die Unterlassung einer Betitelung mit dem offiziellen Label REDD durch die drei Vertragsstaaten vor allem als ein strategisches Manöver zu verstehen: Da die REDD-Verhandlungen der UNFCCC (Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen) auf dem COP 16 in Cancun noch nicht zu einer abschließenden Entscheidung über das Finanzierungsmodell gelangt waren, wurde kurzerhand ein Programm aus dem Boden gestampft, das die REDD-Mechanismen beinhaltet, nicht aber dessen Namen trägt.
Die zum Gipfel angereisten sozialen Bewegungen setzte vor allem die Tatsache in Alarmbereitschaft, dass im gleichen Durchlauf zwei bilaterale Abkommen zwischen Kalifornien und Chiapas bzw. Kalifornien und Acre abgeschlossen wurden. Die Tanks kalifornischer Autos sollten in naher Zukunft mit sogenannten “Energiepflanzen” von Feldern der beiden anderen Vertragspartnerstaaten gefüllt werden. Der Parallel-Deal wiegt besonders schwer, wenn in Betracht gezogen wird, dass von der UNFCC im REDD-Programm die Defintion von “Wald” nicht konkretisiert und damit eine weite Bandbreite von Interpretationsmöglichkeiten eröffnet wird. Aus REDD-Erfahrungen anderer Länder sind Fälle bekannt, bei denen Urwälder abgeholzt wurden, um für “Wiederaufforstung” mit Monokulturen zur Erzeugung von Agrotreibstoffen Platz freizuräumen. Die großflächige Rodung von tropischen Wäldern in Chiapas zum Anbau von Palmöl-, Rizinus-, Pinien-, Zuckerrohr- oder auch Mais-Monokulturen (allesamt geeignet zur Herstellung von Agrotreibstoffen) ist auch ohne REDD längst Realität, könnte sich durch dieses aber noch verschärfen. Dabei stimmt vor allem der nicht unbedeutende Nebeneffekt nachdenklich, dass REDD durch seine Verknüpfung mit dem Emissionsrechtehandel zur Zementierung nicht-nachhaltiger Produktionsweisen in den Industrienationen, in diesem Fall den USA, beiträgt.
Während sich das kalifornisch-chiapanekische REDD-Modell bereits seit einiger Zeit im Anfangsstadium befindet, stehen in Kalifornien aktuell Verhandlung kurz vor einem Abschluss, die REDD zu einem offiziellen Mechanismus des kalifornischen Gesetzes AB32 machen soll. Im internationalen Klimadiskurs der Vereinten Nationen gilt Kalifornien auf Grund seiner Gesetzesinitiative AB32 als Vorreiter. Während die US-amerikanische Regierung nach wie vor das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert hat, verpflichtete sich Kalifornien darin im Alleingang zu einer Reduktion seiner Treibhausgas-Emissionen um 25 Prozent bis 2020 und um achtzig Prozent bis 2050 im Vergleich zum Jahr 1990. Dreißig Prozent dieser Einsparungen sollen dabei über das “cap-and-trade”-System umgesetzt werden. Das bedeutet, dass die Emissions-Einsparungen nicht in Kalifornien selbst vollzogen werden muessen, sondern dass bspw. anhand des REDD-Programms andernorts eingespart werden soll, bzw. Emissionen gar nicht erst freigesetzt werden sollen. In Kalifornien wird von kritischen Umweltgruppen der Versuch unternommen, die negativen Auswirkungen für die Menschen in Chiapas und Acre auf die politische Agenda zu setzen. “REDD wird nicht nur die Reduzierung von Emissionen auslagern, sondern könnte auch die Vertreibung von Menschen in Acre und Chiapas bewirken”, heißt es in einem Schreiben eines Zusammenschluss verschiedener umweltpolitischer Gruppen an den kalifornischen Gouverneur Jerry Brown.
Laut dem mexikanischen Journalisten Luiz Hernández Navarro befinden sich von Mexikos 65 Millionen Hektar Wald und Urwald zwischen 75 und achtzig Prozent formell in der Verwaltung von ejidos und indigenen Gemeinden. Bei ejidos handelt es sich um kollektiven Grundbesitz, für welchen den Bewohner_innen über die Dorfversammlung individuelle Nutzungsrechte zugestanden werden. Da die gemeinschaftlichen Eigentumsverhältnisse Zugriff und Verfügung des Kapitals über Ländereien erschweren, setzt der mexikanische Staat seit einigen Jahren alles daran, die ejidos in Privatbesitz zu verwandeln, um damit die Voraussetzungen für den Verkauf zu schaffen oder im schlimmsten Fall die Enteignung seiner derzeitigen Besitzer_innen voranzutreiben. Das REDD-Programm reiht sich dabei in einen seit vielen Jahren andauernden Prozess der Schaffung neuer Investitionsmöglichkeiten im lakandonischen Urwald ein und weist zudem Muster der Aufstandsbekämpfungsstrategie der mexikanischen Regierung auf.
1974 sprach der mexikanische Staat der damals 66 Familien umfassenden Gruppe der Lakandonen, eine in den 1960er Jahren aus der Karibik migrierten Gruppierung, Landtitel für ein über 600.000 Hektar umfassendes Territorium zu. Die Tatsache, dass der betroffene Regenwald auch von Tzeltal- und Chol-Gemeinden bewohnt wurde, die fortan im offiziellen Sprachgebrauch der mexikanischen Regierung als irreguläre Siedlungen gehandelt wurden, führte dazu, dass sich dieses Ereignis als die “lakandonische Spaltung” im kollektiven Gedächtnis der Region festschrieb. Einige Jahre später (1978) wurde das Biosphären-Reservat Montes Azules ins Leben gerufen und sieben Gebiete innerhalb der lakandonischen Wälder zu Schutzzonen erklärt. Die Montes Azules werden zu einem Teil bis heute ebenfalls von der Gruppe der Lakandonen kontrolliert und wurden zum anderen Teil in ein unbewohntes Bioreservat verwandelt. 26 Tzeltal- und Chol-Gemeinden wurden hierfür, teilweise unter Einsatz der mexikanischen Streitkräfte, zwangsweise umgesiedelt. Für viele der vertriebenen campesin@s war der Zwang, das von ihnen bewirtschaftete und bewohnte Land verlassen zu müssen, das Schlüsselerlebnis, das den Weg in die zapatistische Armee der nationalen Befreiung (EZLN) ebnete, deren Gründungsjahr auf 1983 datiert wird. Während der bewaffneten Auseinandersetzungen nach der Erhebung der zapatistischen Guerrilla 1994 diente ihr der lakandonische Urwald als wichtiges Rückzugsgebiet. Als einer der großen Erfolge der Guerrilla kann die Rückeroberung großflächiger Territorien gewertet werden. Auch im Biosphären-Reservat Montes Azules konnten sich zapatistische Unterstützungsbasen ansiedeln. Ab dem Jahr 2005 begannen erneute Zwangsumsiedelungen und Verdrängung aus dem Reservat, welche auch die nächsten Jahre anhalten sollten. Vorläufiger Höhepunkt der Schürung territorialer Konflikte zwischen den indigenen Gruppen der Region war ein im April 2011 umgesetztes Regierungsprogramm, das Angehörige der lakandonischen Gemeinde zu “Umweltpolizei-Einheiten” ausbildete. Vorgeblich um illegale Holzschläge zu unterbinden, wurden ihnen Waffen und Uniformen ausgehändigt und die Grenzziehung sowie soziale Fragmentierung zwischen den Bewohner_innen des Gebietes verschärft. In dieser konfliktreichen Geschichte oeffnet das REDD-Programm, für dessen Umsetzung ebenfalls mit der Gemeinde der Lakandonen zusammengearbeitet wird, ein neues Kapitel der Vertreibung und Spaltung.
Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass zur Etablierung von REDD keine nennenswerten Schritte zur Konsultierung der betroffenen Chol- und Tzeltal-Gemeinden unternommen wurden. Die Kritik an mangelnder Konsultierung weisen REDD-Befürworter_innen und -Profiteure mit dem Verweis auf die angeblich an REDD gekoppelten “Declaration of the Rights of Indigenous People” (UNDRIP) und das “Free Prior Informed Consent” (FPIC) zurück, ihn denen Vorgaben zur Befragung betroffener indigener Gemeinden enthalten sind. Beide wurden jedoch weder vom Exekutiv-Sekreteriat der UNFCCC und mit Ausnahme von Bolivien auch von keiner Regierung als gesetzlich bindend verankert und sind demnach ausschließlich als Empfehlungen zu betrachten. Dass das chiapanekische REDD-Projekt dabei keine Ausnahme darstellt sondern die Nicht-Konsultierung als system-immanent betrachtet werden kann wird anhand der folgenden Ziffer deutlich: in den Beschreibungen von weltweit 144 Projekten ist in nur einem ein Vorschlag für gemeinschaftlich verwaltete Wälder oder Verpflichtungen über die Einhaltung von Rechten indigener Gruppierungen enthalten, berichtete die britische Zeitschrift The Guardian. Diese Zustände veranlasste eine Gruppe von Vertreter_innen der betroffenen Gemeinden während einer offiziellen REDD-Konferenz in Chiapas im September 2012 in den Konferenzsaal einzudringen und eine Deklaration zu verlesen: “Wir sind heute hierher gekommen und stehen Ihnen gegenüber, um die Programme und Projekte zur Ausbeutung unserer Territorien und Ressourcen öffentlich zu verurteilen, die die schlechten Regierungen seit einiger Zeit versuchen gegen uns einzusetzen, jetzt mit einem anderen Vorwand: dem Klimawandel”.
Das Naturschutzmodell welches REDD eingeschrieben ist, steht den in verschiedenen Teilen Mexikos voranschreitenden indigenen Autonomieprozessen konträr entgegen. Es macht kleinbäuerliche Landwirtschaftspraktiken verantwortlich für die zunehmende Entwaldung, während den eigentlichen Hauptverursachern wie industrieller Landwirtschaft, monokulturellen Pflanzungen für Agrotreibstoffe und Viehfutter, Papierherstellung, Großbergbau-Projekten und groß angelegten Infrastruktur-Projekten durch das Privatisierungspotential, welches REDD aufweist, der Zugang geebnet wird. In den Gebieten, die als Teil eines REDD-Projekts zertifiziert wurden, sollen weder kleinflaechige Felder zur Subsitenzwirtschaft angelegt, noch Feuerholz geschlagen werden. Claudia Ramos-Guillén von der chiapanekischen Organisation Otros Mundos zeigt auf ein Foto, das von einem Hubschrauber aus aufgenommen wurde. Darauf ist ein Stück unangetasteter Urwald zu sehen, umringt von großen monokulturellen Feldern. Sie sagt: “Das ist das Modell, welches der mexikanischen Regierung für Chiapas vorschwebt: REDD zum Erhalt von Naturschutz-Oasen auf der eine Seite und Minen, Agrotreibstoffe, Staudämme und ciudades rurales (Modelldörfer) zur sogenannten Entwicklung von ländlichen Gemeinden auf der anderen.”
Wie ein ganz anderes Modell aussehen könnte, das ökologische Holzwirtschaft, Schutz tropischer Wälder gegen Raubbau und eine basisdemokratische Kontrolle durch die Gemeinden unter eine Decke zu bringen vermag, macht die im Bundesstaat Michoacán gelegene Gemeinde Cherán vor. Nach langer Beobachtung der Untätigkeit der mexikanischen Behörden und Sicherheitsorgane hat diese Gemeinde beschlossen, sich dem vom organisierten Verbrechen betriebenen grossflaechigen, illegalen Holzschlag in den Weg zu stellen. Die Bewohner_innen der Region, die sich hauptsächlich aus Purépecha-Indigenen zusammensetzen, riefen Nachtwachen ins Leben und riegelten ihr kollektiv bewirtschaftetes Territorium ab. Der traditionellen indigenen Dorfversammlung kommt in diesem Autonomieprozess eine zentrale Rolle zu. Die Rodungen und gewalttätigen Übergriffe konnten durch die konsequente Organisierung weitgehend eingedämmt werden und nach und nach wird eine auf Erhalt ausgerichtete Nutzung der Holzressourcen wiederaufgebaut. Für die Bewohner_innen Cheráns ist der Schutz des Waldes und dessen Bewirtschaftung kein unauflösbarer Widerspruch, sondern Notwendigkeit für eine längerfristige Existenz als Forstarbeiter_innen in einem sensiblen Ökosystem.
¹ Die Bezeichnung REDD schließt im Folgetext auch dessen Varianten REDD+, REDD++ und Blue REDD mit ein. Die für Chiapas auserkorene Variante ist REDD+. Verkürzt gesagt soll das + fuer nachhaltige Forstwirtschaft stehen.



























